artemisia
16.01.2026 – 07.03.2026
ISABELLE DUTOIT, YVETTE KIESSLING, TANJA SELZER
Galerie Leuenroth
Artemisia zeigt mit Isabelle Dutoit, Yvette Kießling und Tanja Selzer drei langjährige künstlerische Positionen der Galerie Leuenroth. In dieser Konstellation ein Novum. Im Titel deutet sich diejenige Ebene an, auf der sie sich in aller Unterschiedlichkeit treffen: der Hinwendung zur Natur. Ein jedes Oeuvre behauptet sich selbstbewusst in einem der traditionsreichsten Genres der Kunstgeschichte. Setzt man sie miteinander in Bezug, verschieben sich reizvoll die Perspektiven. Der Blick wandert zwischen Himmel, Erde und Wasser, Nähe und Ferne, Panorama und Ausschnitt. Erweitert man die Betrachtung um das Malerische und die Farbe, eröffnen alle diese Werke Welten.
Die Werke von Isabelle Dutoit entziehen sich einer vorschnellen, eindeutigen Zuordnung, dafür erscheinen die jeweiligen kompositorischen Anteile von Abstraktion undFiguration zu ausgewogen. Stattdessen trete man einen Schritt zurück und vergegenwärtige sich der Prozesshaftigkeit von Malerei, die mehr als nur die logische Abfolgevon handwerklich-schöpferischen Arbeitsschritten meint. Ein Bild ist nicht, es wird. Das bedeutet zunächst die Vorbereitung des Malgrundes. Isabelle Dutoit gestaltet ihn aus der Fläche heraus. Schicht um Schicht legt sie zuerst die Farbe, dann das Motiv darauf. Zumeist beleben tierische Wesen, in Ausnahmen auch Menschen und Pflanzen, die Kulisse. Bemerkenswert dabei, dass sie keine Erzählung miteinander eingehen, sondern sich in Ausdruck und Wirkung verstärken. Erst das eigenständige Sehen lässt sie sich verbinden. So verbläut sich in Drei Krähen [2025] das dominierende Steingrau über eine weiß gewischte Sequenz hinweg ins Frostige hinein. Aus dem Dunkel heraus sind die Wildvögel vermeintlich in der Landung begriffen. In der subtilen Überlagerung bzw. des knappen Anschnitts des samtig-schwarzen Gefieders erfährt die anschauliche Szene jedoch einen Bruch. Ob es sich danach um die Bewegungsstudie eines einzelnen Exemplars oder die Montage einer Kleinschar handelt, bleibt offen. Indes verkehren sich in Enten [2025] die Dynamiken, darin der Farbwechsel abrupt erfolgt. So rührt ein sonnengelb strahlender, gelegentlich ins Sumpfgrün und Lila spielender Grund die Stimmung auf, über den die betitelten Wasservögel anmutig ihre Bahnen ziehen. Für ihre Landschaftsmalerei schöpft Yvette Kießling aus Eindrücken, die sie aus eigener Anschauung gewinnt. Dem in Ostafrika gelegenen Tansania misst sie dabei die höchste und nachhaltigste Bedeutung bei. Seit 2016 hat sie es mehr als ein Dutzend Mal besucht, sich die Landessprache Kiswahili sowie tiefe Kenntnisse seiner Geschichte und Kultur angeeignet.
Fernab des urbanen Geschehens findet Yvette Kießling ihre Motive in Naturräumen wie den Usambara-Bergen. Die Annäherung erfolgt aus stets verändertem Blickwinkel, wodurch die Arbeiten ihre beeindruckende gestalterische Varianz entfalten. Darin komponiert sie tropische Landschaften von vibrierender Farbigkeit. So erstreckt sich unter wolkenweißem Himmel das dichte, in sattes Grün getauchte Blattwerk eines Waldes, durch den hindurch sich in leuchtendem Magenta eben jene Richtung, jenes Ziel bezeigen, die überall verstanden werden: Nija ya nyumbani, dt.: Weg nach Hause [2025]. Mit einer botanischen Nahansicht setzt hieran Kuzama vilindini, dt.: In die Tiefen versinken [2025] an. In der Koloratur bestechend-flirrender Orange- und Purpurtöne schichtet Yvette Kießling die charakteristisch geformten Blätter von Monstera- und Farngewächsen über- und nebeneinander – und verquickt dabei die künstlerischen wie zeitlichen Perspektiven: Gelten Tansanias Urwälder als weltweit reichste an endemischen Arten, zeugen sie zugleich von menschlicher Einflussnahme durch die Kultivierung gebietsfremder Pflanzen und Tiere auf einst dort errichteten Plantagen. Für die Dynamik zwischen Ursprung, Verdrängung und Anpassung von Leben findet Yvette Kießling im dramatischen Gegenspiel intensiver Blau- und Gelbtöne in Giza, dt.: Dunkelheit [2025] die kongeniale Übersetzung.
Das vormals prägende Sujet der Bacchanalien entwickelt Tanja Selzer in ihren jüngsten Arbeiten zur reinen Naturschilderung weiter. Dies zugunsten des Physischen der Malerei: Dynamische Pinselstriche bilden vegetative Elemente nach und fügen sie mit der Energie der Farbe zu vertrauten Topoi zusammen. Auf diese Weise entstehen seit 2024 Nahaufnahmen wildwachsender Flora wie Wild Foxglove und At the Wild Castle [beide 2024] oder Sweet Pollination [2025]. Idealtypische Darstellungen, die sich jederart botanischer Illustration oder Klassifizierung verweigern. Stattdessen spüren sie eindrücklichen Formen und Färbungen nach, liefern orts- und ereignisbezogene Zustandsbeschreibungen, zeigen sich behütet wie behütend innerhalb eines dicht verzweigten Lebensraums. Tanja Selzer setzt keine malerischen Leerstellen. Panoramen wie Yellow in Berlin [2025] entfalten eine überwältigende Kraft, darin Tanja Selzer das Motiv der Landschaft fürwahr nimmt und die physischen wie ästhetischen Grenzen seiner Abbildung sprengt. Auf monumentaler Fläche vollzieht sie von Bodennähe aus den Perspektivwechsel und entwirft eine überdimensionierte Waldbrandszene. Man meint geradewegs in sie hineinschlüpfen und dem großstädtischen Treiben entfliehen zu können, insofern ihr durchaus ein eskapistisches Moment inneliegt. Tatsächlich gehen diese Arbeiten auf frühe Erfahrungen von landschaftlichen Rückzugsorten zurück, anhand derer Tanja Selzer nun Wahrnehmungs- und Resonanzräume eröffnet. [Antje Kraus]
Künstlergespräch 26. Februar 2026 / 19 Uhr
Die Künstlerinnen und Antje Kraus (Kunsthistorikerin, Koblenz)
Galerie Leuenroth
Fahrgasse 15
60311 Frankfurt am Main
Tel.: +49 175 561 76 54
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