Anton Stankowski und
Abisag Tüllmann
04.09.2026 - 04.10.2026
Anton Stankowski, Abisag Tüllmann
edition & galerie hoffmann
Bei Ausstellungen mit mehreren Künstler:innen kann man zwischen Wahlverwandtschaften, die Erwartbares erneut zeigen, und Konstellationen, die Bekanntes dank der neuen Begegnung anders zeigen, unterscheiden. Die Ausstellung mit Arbeiten von Anton Stankowski und Abisag Tüllmann gehört zur zweiten Gruppe. Sie überrascht. Sie schließt auf. Sie erhellt. Dabei haben ihre Werke, so scheint es, erst einmal nichts miteinander zu tun. Auf der einen Seite die bedeutende Fotografin, die subtile Chronistin der Nachkriegsjahre, die nicht nur die 68er-Bewegung begleitete, sondern dieser eine politische Grundierung entlieh, die ihre Arbeit nachdrücklich prägte. Auf anderen der berühmte Vertreter einer konkreten und konstruktiven Kunst und Gestaltung Anton Stankowski, der in seinen grafischen und malerischen Arbeiten programmatisch jeden mimetischen Bezug zur Wirklichkeit kappt. Auch seine Fotografien der 1920er und 1930er-Jahre pendeln zwischen neusachlicher Dinglichkeit und formaler Abstraktion. Der mehrfach von Abisag Tüllmann portraitierte Theodor W. Adorno hätte vermutlich viele seiner Arbeiten verächtlich als „Tapetenmuster“ bezeichnet.
Auf der einen Seite also die lebendigen Menschen, das quirlige Leben, die warmherzigen Gesten. Auf der anderen die Verwandlung von Bewegungen in Formen, die Faszination für die menschenleere Dingwelt, das visuelle Spiel mit Serien. Tüllmann und Stankowski scheinen nicht nur unterschiedliche Temperamente zu haben, sondern die Wirklichkeit mit gänzlich anderen Augen wahrzunehmen.
Was ist daher der magische Schlüssel, der das vermeintlich Immergleiche und die etablierten Weisen, mit denen auch wir ihre Werke betrachten und rubrizieren, neu aufschließt? Es ist eine Art von wechselseitiger Überblendung, die sich durch geteilte Erfahrungsräume ergibt, die beide in ihren Arbeiten darstellen. In dieser Ausstellung ist dies das radikal Alltägliche: der Umgang mit gewohnten wie gewöhnlichen Dingen, die Routinen, die Alltagshandlungen bestimmen, die Serialität und Normiertheit der Gegenstände, mit denen man es zu tun hat und nicht zuletzt die Wiederkehr bestimmter Formen der Sachen, Produkte, Utensilien und Einrichtungen, die zu Lebensformen werden.
Bei Abisag Tüllmann sind das etwa eine Aufnahme aus der Serie „Wischen und Waschen“, die 1980 im Kursbuch erschienen ist, Schnappschüsse vom „Hasch-In“ 1969 in der Bockenheimer Anlage oder die "Heiße Brühe" in der Wärmestube "Warmer Otto" der Heilandsgemeinde in Moabit. Die Gegenstände wie auch die Art und Weise, wie sie dargestellt werden, machen dabei eine politische Haltung anschaulich und nachgerade handgreiflich. Auf der Rückseite einer Aufnahme eines Jugendlichen, der behutsam eine Tüte dreht, ist zu lesen: "Faszination, Hingabe - wenn schon an so kleine Dinge, wie viel mehr an d. großen". Das ist Abisag Tüllmans Programm in nuce.
Bei Anton Stankowski hingegen gerät selbst eine Demonstration oder ein Umzug in Zürich zu einer Spannung von Formen, nicht aber von politischen Inhalten. Seine Bilder sind ostentativ von jeglicher Politik und Geschichte entkleidet. Sie zeigen einen Stapel von Tellern als „zeitlose Garnitur“, machen aus Ästhetik eine serielle „ess-thetik“ oder aus dem Foto einer datierten Einfrankenmünze ein kleines Leporello. Erneut, so scheint es, haben Tüllmann und Stankowski miteinander nichts zu tun. Warum ist es aber trotzdem erhellend, sie miteinander auszustellen?
Zwei sehr unterschiedliche Dinge sind hier entscheidend: Erstens betont der jeweils unterschiedliche Umgang mit dem Alltag bestimmte Phänomene, die aufgrund des jeweiligen ästhetischen Zugriffs in den Hintergrund gerückt sind und macht sie angesichtig. Stankowskis Faszination für das Serielle, für klare und prägnante Formen prägt ebenfalls die Lebenswelt bei Tüllmann. Die Kacheln und die Armaturen sind auch bei ihr Objekte, die eine hohe Affinität zur neusachlichen Ästhetik haben, wie auch die Aufnahmen von industriellen Arbeitsprozessen die eben der Produktion immergleicher Gegenstände gewidmet sind. Die Nachbarschaft der Bilder in den Ausstellungsräumen macht Hintergründe sichtbar und zeigt auch das, wovon man sich abzusetzen sucht.
Umgekehrt gilt das auch für Stankowski, dessen vermeintlich kühle Darstellung der Ding- und Formenwelt nun als Teil einer Praxis, als Vollzug von Handlungen, als Leben ersichtlich wird. Die Dinge sind geronnene Formen alltäglicher Lebensvollzüge. Letzteres wird nicht zuletzt durch die grafischen Arbeiten Stankowskis deutlich, die ebenfalls gezeigt werden. Hier wird nun ein bestimmter Vollzug von formgebenden künstlerischen Handlungen zur Produktion eigener Serien.
Diese führen weiterhin den zweiten erhellenden Aspekt dieser Konstellation vor Augen: Tüllmann und Stankowski geht es auf je unterschiedliche Weise um Formen der Partizipation und der Teilhabe, die auch eine rezeptionsästhetische Stoßrichtung haben.
Ein Prinzip der konkreten Kunst war das der Nachvollziehbarkeit der formgebenden ästhetischen Prozesse für die Betrachter:innen. Sie sollten die Regeln, nach denen das Bild entstanden ist, nachvollziehen und auch wiederholen können. In diesem Sinne versteht sich die konkrete Kunst als eine radikal demokratische Ästhetik. Und genau das hat Abisag Tüllmann mit ihren Arbeiten auch im Sinn: Das Konstruktive des Aufbaus der Nachkriegsgesellschaft zielt, wenn man den Alltag zeigt, auf Partizipation, auf Teilhabe. Diese besondere, kostbare Haltung prägt ihre so unterschiedliche Kunst. Sie nebeneinander zu sehen, bedeutet nicht nur, sie miteinander zu betrachten, sondern die Kunst als Mittel der Demokratie wahrzunehmen. Und das ist ein nicht geringes Gut.
Bernd Stiegler