Common Disposition
04.09.2026 - 17.10.2026
Hendrik Zimmer
Galerie Heike Strelow
Unter dem Titel Common Disposition präsentiert Hendrik Zimmer Arbeiten in sehr unterschiedlichen Materialien und Verfahren, die aus einer gemeinsamen künstlerischen Haltung entstanden sind: Holzschnitte auf Leinwand, gewebte Teppiche, Glasarbeiten. Was diese Werke verbindet, ist kein formales Programm, sondern eine Einstellung gegenüber dem Material selbst – die Überzeugung, dass seine Eigenschaften und Beschaffenheit die Geschichte und Bedingungen ihrer Entstehung in sich tragen und sichtbar machen.
Seit Ende 2021 arbeitet Zimmer intensiv mit dem Holzschnitt – einem alten Verfahren, das er konsequent weiterentwickelt hat. Die Technik prägt seine Bildsprache: geschlossene Farbflächen, forcierte Konturen, ein Spiel mit Farbdichte und -intensität. Der direkte Abdruck des gefärbten Holzes auf grober Leinwand und die sichtbaren Einteilungen der Druckplatten verleihen den Arbeiten eine beinahe technische Strenge – umso erstaunlicher ist die nahbare, warme Anmutung und verspielte Leichtigkeit, die Farbigkeit und Formgebung dennoch ausstrahlen. Webmuster, Holzmaserung und zerdrückte Farben bleiben sichtbar und werden Teil der Bildgebung. Zimmer knüpft an die Tradition der japanischen Holzschnittwerkstätten und die europäische Avantgarde des 20. Jahrhunderts an und entwickelt daraus eine unverkennbar eigene Handschrift.
In Common Disposition tritt der Holzschnitt nun in Beziehung zu zwei weiteren Handwerkstraditionen: dem Weben und der Glasarbeit. Alle drei verlangen Präzision und Geduld – und fordern das Eingreifen des Materials in den Prozess. Gerade darin zeigt sich ein zentrales Moment von Zimmers Praxis: Der Entstehungsprozess bleibt als eigenständige Ebene im Werk präsent. Materialeigenschaften, handwerkliche Abläufe und Bearbeitungs- und Veränderungsspuren bleiben sichtbar und prägen den Charakter der Arbeit. So entsteht ein Verhältnis zwischen künstlerischer Setzung und materiellem Eigenleben: Das Werk versteht sich weniger als abgeschlossener Entwurf denn als Ergebnis eines fortwährenden Dialogs zwischen Idee, Material und Prozess.
Common Disposition beschreibt zugleich eine Haltung, in der Material, Verfahren und künstlerische Entscheidung in ein wechselseitiges Verhältnis treten – die Arbeiten gewinnen ihre Eigenständigkeit aus dem Zusammenspiel dieser Bedingungen. In der japanischen Handwerkstradition spricht man davon, dem Material zuzuhören – auch bei Zimmer findet sich die Vorstellung, dass etwas im Werk „zur Erscheinung kommen" möchte.
Im Zentrum steht nicht die vollständige Beherrschung des Materials, sondern das Vertrauen in einen Prozess, dessen Verlauf sich nie ganz planen lässt: Jeder Arbeitsschritt verändert die Voraussetzungen für den nächsten. Holz, Farbe, Leinwand, Stoff und Glas sind dabei nicht bloße Mittel zur Umsetzung, sondern eigenständige Akteure, deren Eigenschaften den Verlauf der Arbeit mitbestimmen. So entsteht eine Arbeitsweise, die von Aufmerksamkeit und Respekt geprägt ist: Nicht das Durchsetzen einer Form steht im Vordergrund, sondern das Entstehen einer Beziehung – zwischen Idee und Material, zwischen Absicht und Prozess, zwischen dem, was gelenkt werden kann, und dem, was sich erst im Machen zeigt.
In diesem Verständnis ist Kreativität weniger ein Akt der Erfindung als des Wahrnehmens: Sie zeigt sich, wo Offenheit und Spiel, Erfahrung und handwerkliches Können zusammenfinden – und genau dort entsteht jene Qualität, die sich jeder Erklärung entzieht.